Geschichte der romantischen Walcker-Orgel von 1898

Barocker Orgelprospekt von 1702 (vermutl. von P. H. Varenholt)

Die originale Disposition durch die Orgelwerkstatt Walcker ist auf den 21.9.1896 datiert und umfasste 12 Register mit insgesamt 594 Pfeifen aus Metall oder Holz, zwei Manuale und ein Pedal und sechs Neben-züge.

Weiterhin gehörten zu dem Instru-ment ein Faltenbalg mit Schöpfern, Windladen aus Tannenholz und ein Spieltisch, dessen Klaviaturen mit Celluloid und Ebenholz belegt wa-ren. Die Orgel besaß ursprünglich eine rein pneumatische Traktur.

 

Ihr Anschaffungspreis betrug 4358 Mark – bei dem Stundenlohn eines Arbeiters von 20 Pfennigen zu dieser Zeit eine gewaltige finanzielle Leistung der Kirchengemeinde.

 

Im ersten Weltkrieg mussten 1917 nicht nur die Glocken, sondern  auch alle bleihaltigen Prospekt-pfeifen zur Waffenherstellung abgegeben werden. Die heute dort sichtbaren Pfeifen aus Zink stammen aus den 1920er Jahren und sind nur stumme Zier.

 

Nach 1956 nahm man die gravierendsten Eingriffe in die Originalsubstanz der Orgel vor: die ursprünglich tiefer sitzende Orgelempore wurde von der Fa. Kemper aus Lübeck weiter nach oben verlegt und verkleinert. Der alte Spieltisch hatte nun keinen Platz mehr, ein neuer wurde unten im Kirchenschiff aufgestellt und die Trakturen wurden mittels Elektromagneten elektrifiziert.
 
Des Weiteren erfuhr die Orgel einschneidende klangliche Veränderungen im Zeitgeist des sog. Neo-barock: vom fülligen romantischen zu einem eher trockenen barocken Orgelklang. Dazu wurden von Kemper die Pfeifen der 8‘ Register Salicional und Aeoline unfachmännisch abgeschnitten, umge-arbeitet und neu intoniert. (Beispiele zu den umgeänderten Pfeifen s. Fotos unten).
 

Zerstörte Reste dieser Pfeifen wurden im Turm wiederentdeckt, ihre Mensur (Maßverhältnisse, die die klanglichen Eigenschaften einer Pfeife bestimmen) diente als Grundlage für ihre Rekonstruktion bei der aktuellen Restaurierung.

 

Etwa gleichzeitig baute man einen viel zu kleinen Schwimmerbalg und ein unterdimensioniertes Gebläse ein (s. Foto unten). Die dadurch entstandene Unterversorgung der Orgel mit Wind führt deutlich hörbar zu einem „asthmatischen“ Klangeindruck und machte vollgriffiges Spiel imTutti (alle Register) und in tiefen Lagen vor der jüngsten Restaurierung unmöglich.

 

Zusammen mit dem Ausbau der Oktavkoppel haben diese Veränderungen von 1956 dem Instrument seinen raumfüllenden Klang, zum anderen aber auch die leisen Stimmen genommen.

 

Daher lag ein Schwerpunkt der in den Jahren 2010 bis 2012 durchgeführten  Restaurierungs- und Rekonstruktionsmaßnahmen darin, der Orgel wieder ihr historisches Klangbild und ihr Volumen zurückzugeben.

 

Quellen:
Gutachten des Orgelsachverständigen der Ev. Landeskirche, Herrn Dr. H.-Chr. Tacke vom 5.1.2009
Chronik des Dorfes Weslarn von Arnold Fortmann und Siegfried Prochno, 1989

 

Förderverein der St. Urbanuskirche Weslarn [-cartcount]